Welche Art von klinischen Daten? – Ein risikobasierter Ansatz für Medizinprodukte

Die Grundlage

Mit den Neuerungen der Medical Device Regulation (EU 745/2017), werden mehr klinische Daten für das Spektrum der beschriebenen Indikation gesammelt werden müssen, um Re-Zertifizierungen und Neuzertifizierungen zu erhalten. Zudem sind ist die proaktive Marktüberwachung im Rahmen von Post Market Clinical Follow-Up (kurz: PMCF) obligatorisch.

Risikobasierter Ansatz.

Die Vorgaben des risikobasierten Ansatzes finden sich in der ISO 13485:2016 in konkreten Anforderungen wie „Die Organisation muss einen risikobasierten Ansatz für die Lenkung von geeigneten Prozessen anwenden, die für das Qualitätsmanagementsystem benötigt werden“ (Abschnitt 4.1.2). In der MDR wird auf den risikobasierten Ansatz explizit u. A. zur Begutachtung der klinischen Bewertung durch die Benannten Stellen verwiesen.

Risikoanalyse bzw. -management als Ausgangspunkt.

Für die Verfolgung des risikobasierten Ansatzes sind eine umfassende und gründliche Risikoanalyse und daraus abgeleitete Risikominimierungsmaßnahmen essentiell. Der Ausgangspunkt kann an dieser Stelle die Übersichtstabelle der FMEA (Failure Mode and Effects Analysis) oder FMECA (Failure Mode and Effects and Criticality Analysis) – oder andere „Rohdaten“ Ihrer Risiken sein. In einem risikobasierten Ansatz sollten Sie zeigen können, dass Sie sich damit auseinandergesetzt haben, wie und womit Sie die Auftrittswahrscheinlichkeit oder die Ausprägung des Risikos in einer klinischen Studie oder einer PMCF-Aktivität messen oder bestätigen. Im Zentrum steht dabei der Parameter in der klinischen Studie/ PMCF-Aktivität, der die einzelnen Risiken adressiert.

Das Vorgehen.

1.   Bestimmen Sie übergeordnete Anforderungen, die eventuell aus den Claims abgeleitet werden können. Für Implantate können das die Funktion des Implantats am Wirkungsort und die biologische Sicherheit, sowie die Integrität des Implantates sein. Alle Risiken aus den Rohdaten (bspw. aus der FME(C)A) müssen diesen Anforderungen zugeordnet werden können.

2.   Als zweiten Schritt recherchieren Sie, mit welchen Parametern in der Literatur diese Anforderungen in klinischen Studien/ PMCF-Aktivitäten überprüft werden. Betrachten Sie dabei die Literatur aus wissenschaftlichen Datenbanken (bspw. Pubmed, Cochrane Library) und die Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften.

3.   Diskutieren und definieren Sie unter Einbeziehung aller Stakeholder, der praktischen Umsetzbarkeit der Parameter und unternehmerischer Strategien für jeden einzelnen Parameter die übergeordneten Anforderungen. Beim Beispiel der Implantate ist die biologische Sicherheit durch lokale und systemische Effekte zu überprüfen und für jeden Einzelaspekt sollten Parameter vorliegen.

Ergebnis

Wenn die Anforderungen und die Parameter ausreichend definiert werden, wird jedes Risiko aus den Rohdaten/ FME(C)A klinischen Parameter zugeordnet werden können. So erhalten Sie ein risikobasiertes Parameter-Set, mit dem Sie alle Risiken im Rahmen von PMCF-Aktivitäten oder Studien adressieren können. Beachten Sie, dass Sie dieses Parameter-Set nicht als obligatorisch für jede Aktivität definieren, sonst müssen Sie in jeder Erhebung immer alle Parameter erfassen.

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Für den Umfang der Daten stellt sich dann immer noch die Frage „What’s sufficient clinical data?“ – Mit dem hier beschriebenen Vorgehen haben Sie aber zumindest schon geklärt wie sie die Daten erheben können – und das auf der Grundlage eines risikobasierten Ansatzes.

Exkurs

Unser Kunde, ein Implantathersteller, hatte ca. 80 verschiedene Risiken über alle Kategorien in den FMEA-Tabellen identifiziert, beschrieben und mitigiert. Für die Betrachtung der klinischen Risiken haben wir dann nur die Produkt-bezogenen Risiken und die Risiken aus der klinischen Anwendung extrahiert, da nur diese für die weitere Betrachtung im Rahmen klinischer Studien oder PMCF Aktivitäten relevant sind. Die daraus resultierenden 20 Risiken haben wir eingehend betrachtet und die übergeordneten Anforderungen definiert. Diese waren 1. Hauptfunktion des Implantats, 2. die biologische Sicherheit und 3. die Unversehrtheit des Implantates.

Danach haben wir erörtert, zu welchen Zeitpunkten diese Anforderungen zu erfüllen bzw. zu messen sind. Bei einem Implantat sind das klassischerweise perioperativ, postoperativ und Langzeit.

Parallel dazu (Schritt 2 oder auch Top-Down-Ansatz) haben wir eine eingehende Literatur-und Leitlinienrecherche durchgeführt. Im Fokus steht hier eine möglichst breite Literatursuche, d.h jeder Studientyp wurde einbezogen. Trotzdem haben wir in die endgültige Entscheidung das Evidenzlevel des Studientyps aus dem der Parameter entnommen wurde, mit einbezogen. Bei Medizinprodukten ist der Intended Use manchmal so breit formuliert, dass das Produkt in völlig unterschiedlichen Indikationen zum Einsatz kommen kann. Deshalb haben wir bei der Leitliniensuche verschiedene Fachgesellschaften berücksichtigt und innerhalb dieser auch verschiedene Leitlinien untersucht.

Die Anforderungen 1. Hauptfunktion des Implantats, 2. die biologische Sicherheit und 3. die Unversehrtheit des Implantates und die relevanten Zeitpunkte geben also vor, welche Parameter mit den Ergebnissen des Top-Down-Ansatzes besetzt werden müssen. Es kann jedoch noch aus dem Top-Down-Ansatz herrührend weitere Aspekte geben, die parametriert werden müssen. In unserem Fall lässt sich die biologische Sicherheit in lokale und systemische Effekte aufteilen. Klinische Parameter für lokale Effekte wie Wundheilungsstörungen, Hitzebildung und systemische Effekte wie Fieber, Erhöhung inflammatorischer Blutparameter werden dann diskutiert.

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